2. Adventssonntag
1999 B
logo
Weitere Predigten kommen demnächst.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Im Advent steht eine Person im Mittelpunkt, die man als Bindeglied zwischen Altem und Neuem Testament bezeichnen könnte. Es ist Johannes der Täufer, der Vorläufer Jesu. Er ist der letzte der Propheten des Alten Bundes, die den Erlöser ankündigen, der aber nun schon im Neuen Testament zu finden ist.

Was ist das für eine seltsame Gestalt, dieser Johannes der Täufer? Ist er nicht ein wirklicher Sonderling? Ausgerechnet dieser Mann wird uns als adventlicher Mensch vor Augen gestellt. Daher ist es notwendig, diesem sonderbaren Propheten ein wenig nachzuspüren. Wenn wir seine Lebensweise anschauen, fallen uns drei unmögliche Haltungen auf. Die Wahl des Aufenthaltsortes, seine Kleidung und seine Ernährung.

Zunächst: Johannes war ein Mann mit einem unmöglichen Aufenthaltsort. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was es heißt, in der Wüste zu leben, in einem Gebiet, in dem die Tagestemperaturen oft auf fünfzig Grad ansteigen – natürlich im Schatten? Hinzu kommt ein krasser Temperatursturz bis an den Gefrierpunkt in der Nacht. Wie kann man einen solchen Ort wählen, um als Prediger aufzutreten? Wer das tut, kann nicht ganz normal sein. Johannes hätte besser in Jerusalem auftreten sollen. Dort hätte er ein großes Publikum gehabt. Denn nach Jerusalem pilgerten alle Juden.

Hinzu kommt: Johannes war ein etwas rauer Geselle mit unmöglicher Kleidung. Er trug ein Gewand aus Kamelhaaren mit einem Ledergürtel. Dieses Gewand war höchstwahrscheinlich unbearbeitet, es stach und kratzte.

Schließlich: Johannes war ein Mann mit einer unmöglichen Ernährung. Das verdeutlicht sich, wenn wir betrachten, was er täglich aß. Das war alles andere als eine gesunde, ausgeglichene, ökologische Kost. Sein Müsli war nicht besonders einfallsreich. Es bestand aus Heuschrecken und wildem Honig. Das zeigt: Johannes ernährte sich von dem, was er an Essbarem in der Wüste fand.

Was faszinierte die damaligen jüdischen Normalbürger eigentlich an diesem Mann, so dass sie in großen Scharen in die Wüste zogen? Ohne Auto oder Bus mit Aircondition! Vielmehr nahmen sie die Mühen eines anstrengenden Marsches auf sich, um Johannes zu sehen, ihn predigen zu hören, ihre Sünden zu bekennen und sich taufen zu lassen. Und dabei ging dieser Gottesmann mit ihnen keineswegs zimperlich um. »Ihr Schlangenbrut!« So schimpfte er manche. Wie würden Sie sich verhalten, wenn ich Ihnen sagen würde: »Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gesagt, dass Ihr dem kommenden Gericht davonlaufen könnt?« Ich würde bald vor leeren Bänken predigen. Irgendwie war dieser unangenehme Kerl anziehend für die Leute von damals. Sie glaubten ihm, kehrten um. Wie schön wäre es, wenn es heute auch so einen gäbe, der diese Anziehungskraft hätte, wo sich alle plötzlich aufraffen und scharenweise in den Beichtstuhl finden würden, um ihr sündiges Leben zu bekennen? Nur: Heute gibt es angeblich keine Sünden mehr. Das, was früher eine Sünde war, ist heute erlaubt. Wir dürfen doch nicht mehr so altmodisch sein, heißt es.

Johannes hat aber nicht gepredigt: »Lieber Herodes, du hast recht. Heirate nur die Frau deines Bruders. Wenn du sie wirklich liebst, ist das in Ordnung.« Genau das Gegenteil hat er gesagt, nämlich: »Es ist dir nicht erlaubt, deines Bruders Frau zu haben.«

So hat er also ganz deutlich den Menschen von damals die Wahrheit vorgelegt, die eigentlich keiner gerne hört, wenn es sich um Umkehr und Buße handelt.

Was hat die Menschen an diesem Exoten Johannes so fasziniert? Was die Leute besonders gefallen hat, war das Gespür: Dieser Mensch redet nicht nur, sondern er lebt, was er predigt. Er nahm das Leben und den Glauben ernst. Seine Bescheidenheit und seine Demut waren echt. Das spürten die Leute von damals und daher war er auch glaubwürdig. Anziehend war in einer gewissen Weise sicherlich auch seine Radikalität. Er verneinte nichts anderes so sehr wie die Lauheit.

Seine Botschaft war die: Er verkündete einen anderen. Nicht er ist der Messias, sondern er ist die Stimme eines Rufers in der Wüste. Der nach ihm kommt, ist stärker als er. Er ist nicht würdig, ihm die Schuhriemen zu öffnen. Johannes taufte nur mit Wasser. Dieser wird mit Heiligem Geist taufen.

Johannes verstand sich also nur als Werkzeug. Dieser muss wachsen, ich muss abnehmen. Nicht er ist die wichtige Person, sondern der, den er ankündigt, der Messias. Dies soll auch unsere Einstellung sein. Auch in uns, in unserem Herzen, soll Jesus zunehmen und wir selber abnehmen. Und was soll in uns abnehmen? Unser Eigenwille muss absterben, unser Egoismus muss verschwinden. Dein Wille geschehe. Immer wieder entdecken wir uns dabei, unseren Willen unbedingt durchsetzen zu wollen. Das ist die Umkehr, die Johannes verkündet. Er zeigt auf Jesus, der unser Weg ist. Umkehr bedeutet, seinen eigenen Weg zu verlassen und Jesus nachzufolgen, der sagt: Ich bin der Weg.

Wenn die Stimme also verkündet »Bereitet dem Herrn den Weg!«, heißt das auch, dass wir uns auf diesen Weg machen sollen und ihm entgegengehen sollen. Wenn wir auf dem falschen Weg sind, sollen wir umkehren. Das ist die Botschaft des Johannes, das ist die Botschaft des 2. Adventsonntags und das ist die Botschaft des heutigen Evangeliums. Amen.

logo
piwik Datenschutz
© 2017 · Pfarrer Christian Poschenrieder · email